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[News]  Sündenfall im Paradies für Angler
#1
Um einmal einen Riesen-Waller zu fangen, zieht es viele Deutsche an den Po. Dort ist erlaubt, was sonst streng verboten ist.
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Alles was Tobias Oppacher (r.) und Thomas Schedlbauer wollen, ist ein Erinnerungsfoto. Dann dürfen die Waller zurück ins Wasser. Foto: Max Intrisano

Cremona.Der Kampf beginnt um sieben Uhr Früh. Die Sonne ist gerade über dem Po aufgegangen, als Tobias Oppacher und Thomas Schedlbauer von einer hellen Klingel geweckt werden. Auf jeder ihrer sechs Angeln haben die beiden ein Glöckchen platziert. Es muss ein Monstrum von Fisch am Haken hängen, so laut bimmelt es. Die beiden springen mit der Angel in ein Schlauchboot und lassen sich flussabwärts treiben. „Die Strömung, der Sonnenaufgang, der große Fisch an der Angel, es ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl“, sagt Oppacher. Wer diese Mischung aus Jagdtrieb, Naturgewalten und Adrenalin mag, der fährt mindestens einmal in seinem Leben an den Po. Oppacher, 30 Jahre alt, war schon sechsmal da.

Anderthalb Stunden später ist es soweit, der Wels zappelt in Sichtweite. Schedlbauer streift einen Bauarbeiter-Handschuh über und bekommt den Fisch am Kiefer zu greifen. Mit vereinten Kräften und Urlauten ziehen die Angler den Fisch ins Boot. Dann steuern sie eine Sandbank an, Oppacher und Schedlbauer legen ihre vorzeitliche Beute mit ihrem riesigen Maul auf einer Plane ab und nehmen Maß. 2,20 Meter Länge, zwischen 70 und 80 Kilogramm Gewicht. „Der Wahnsinn!“, sagt Schedlbauer. Sie schießen Erinnerungsfotos, wenig später schwimmt der riesige Fisch wieder im Fluss.
Der Po ist Europas letztes Anglerparadies, ein Garten Eden für Fischer, in dem der Sündenfall zum Alltag geworden ist. Der Fluss in Norditalien ist naturbelassen und wird von den Einheimischen weitgehend ignoriert. Angler aus Deutschland und Österreich sowie Wilderer aus Rumänien und Ungarn haben den Po als ihr Revier in Beschlag genommen. Seit bald zwei Jahrzehnten tummeln sie sich hier schon. Die Szene bleibt unter sich, beinahe ungestört vor staatlicher Kontrolle. Der Po ist Niemandsland, eine Art Wilder Westen für Angler. 17 sogenannte Waller-Camps reihen sich zwischen Cremona und der Po-Mündung in die Adria aneinander. Die Betreiber, fast alle aus Deutschland oder Österreich, haben sich den Fluss aufgeteilt. Die Konkurrenz halten sie sich mit teils brachialen Methoden vom Leib. Und das alles für den Wels. Europas größter Süßwasserfisch gedeiht im Po prächtiger als überall sonst. Das Wasser ist vergleichsweise warm, der Futterbestand enorm. Die Fische erreichen Größen, von denen Angler zwischen Donau, Rhein und Oder nur träumen können. Wer sich nicht ganz ungeschickt anstellt, krönt hier innerhalb einer Woche sein Anglerleben mit mindestens einem Zwei-Meter-Fisch.
Ein großes Freiheitsgefühl
Als Angler am Po kann man sich Dinge erlauben, die in Deutschland oder Österreich längst tabu sind. Schedl-bauer zählt auf: „Nachts fischen, zur besten Beißzeit. Vom Boot aus angeln.“ In den meisten Gebieten darf man zudem lebendige Fische als Köder an den Haken hängen. Auch folgende Regel wird eher wie eine Fußnote behandelt: Hängt der Wels einmal am Haken, müsste er laut Gesetz eigentlich entnommen und getötet werden. Der Grund ist, dass der Wels keine heimische Art ist, sondern vor Jahrzehnten eingesetzt wurde. Aber ein Sportangler will kein Filet, sondern ein Foto. „Und ehrlich gesagt“, gibt ein Beamter vom Jagd- und Fischereiamt in Reggio Emilia zu bedenken, „was soll ein Angler denn mit 100 Kilo Fisch?“ Wenn er den Wels wieder frei lasse, sei das ja auch eine Art von Naturschutz.
Die Folge dieses Laissez-faire ist, dass Angler am Po nichts zu befürchten haben. „Es ist einfach ein großes Freiheitsgefühl hier“, sagt Oppacher strahlend. Manche Anbieter werben sogar mit den Annehmlichkeiten der italienischen Elastizität. „Einem entspannten Angelabenteuer völlig ohne Angst vor Kontrollen oder Bestrafungen steht hier in Polisella nichts im Weg“, heißt es auf der Webseite eines deutschen Campbetreibers. Und so kommen jährlich Tausende Hobbyangler in die Gegend zwischen Cremona und Ferrara und leben mehr oder weniger ungestört ihre Fantasien aus.
„Ich mache Anglerträume wahr“, sagt Harry Stadlhuber aus Aschau am Inn. Er ist der Chef in einem der 17 Wallercamps und hat mit einer FC-Bayern-Fahne sein Revier am Fluss bei Mantua markiert. Vor 14 Jahren siedelte er aus Oberbayern über. „Mein Angelgeschäft in Mühldorf ging kaputt, meine Ehe auch, so kam ich damals her“, erzählt Stadlhuber. Von März bis Oktober betreut er seine Gäste, die meisten kommen aus Süddeutschland. Er hat ein Bootshaus gepachtet, 750 Kunden kämen im Jahr. Die Gäste bleiben im Schnitt eine Woche lang, Stadlhuber stellt Parkplätze, Kühlschränke, Duschen und Toiletten. Er gibt den Anglern Lizenzen, die er für 24,50 Euro im Voraus beim italienischen Angelverband besorgt. Die Gäste mieten eines seiner 21 Spezial-Motorboote samt Echolot und Feldbett. Stadlhuber gibt außerdem Ausrüstung und Tipps. „Wenn du das Wasser nicht kennst, fängst an Scheiß“, sagt er. 600 Euro kostet das Boot pro Woche. Rechnet man Preise und Kunden grob auf die 16 anderen Camps hoch, wird klar: Wallerfischen auf dem Po ist ein Millionengeschäft.
Die Konkurrenz unter den Campbetreibern ist so groß, dass sie manchmal sogar kriminelle Züge annimmt. Wie am 28. Februar 2012, als Stadlhuber abends in seinem Bootshaus überfallen wurde. „Ich habe die Boote repariert und dann noch ein Bier getrunken“, erzählt der Oberbayer. Gegen 22 Uhr standen mehrere Männer vor ihm. Einer schlug ihm einen Computerbildschirm über den Kopf, die anderen droschen mit Eisenstangen auf ihn ein. Stadlhuber kam mit einem neunfachen Schädelbruch davon und ist sich sicher: Die Konkurrenz hat zugeschlagen. „Wir sind zu viele auf einem Fleck, alle 25 Kilometer gibt es ein Camp.“ Vor drei Jahren hatte er erneut Ärger. Er wachte mit Krämpfen und Übelkeit auf, auch sein Hund war vergiftet worden, ein Boot war geklaut. „Ich war der erste, der hier alles legalisiert hat“, behauptet Stadlhuber. Boote anmelden, Steuern zahlen, das ist bis heute nicht jedermanns Sache am Po. Auch deshalb sei er zum Ziel geworden. Er will trotzdem bleiben. „In Deutschland mag ich nicht mehr angeln, da fühle ich mich wie kastriert“, sagt er.
Auch andere Campbetreiber berichten von Einschüchterungsversuchen. Während manche Camps in erster Linie Anglerglück und Naturerlebnis im Blick haben, gibt es sogar Berichte über die Beschlagnahme harter Drogen und Kriegswaffen. Manchmal geraten Sportfischer und Wilderer aus Rumänien und Ungarn aneinander. Es kommt auf dem Wasser zu Szenen wie aus einem Actionfilm. „Mit denen will sich keiner anlegen, die sind bewaffnet“, sagt Stadlhuber. Die Wilderer sind die größte Bedrohung für das deutsche Anglerglück am Po, ganz abgesehen vom ökologischen Schaden, den sie anrichten. Seit einigen Jahren gehen die sogenannten Bracconieri nachts mit paramilitärischem Know-how, verbotenen Schleppnetzen und Elektrobetäubung auf Welsjagd und verkaufen den Fisch kistenweise auf dem heimischen Markt. Während der Wels von italienischen Köchen verachtet wird, gilt er in Osteuropa als Spezialität. Wo die Wilderer am Werk waren, ist der Fischbestand zu großen Teilen vernichtet. Das gefährdet das Geschäft der Wallercamps.
Kein Benzin für Polizeiboote
Der italienische Staat scheint den Umtrieben nicht gewachsen. In den vergangenen Jahren verstärkte die Polizei ihre Kontrollen, selten kommt es zu Festnahmen der Wilderer. „Aber dafür sind die Beamten gar nicht ausgerüstet“, erklärt Massimo Becchi von Legambiente in Reggio Emilia. Der Umweltschützer kennt den Po wie wenige andere. Das zu kontrollierende Ufer umfasst etwa 500 Kilometer, im Delta verästeln sich Kanäle auf bis zu 4000 Kilometern. Die Wilderer sind nachts unterwegs, es genügt ein Busch als Versteck, um unsichtbar zu werden. Die italienische Küstenwache hat auf dem Po gerade einmal zwei Patrouillenschiffe im Einsatz. Oft fehlt denen das Benzin. Finanzpolizei oder Carabinieri interessieren sich nicht für das Sodom und Gomorrha auf dem Fluss.
Den Fisch-Jägern spielt dabei auch in die Hände, dass sich im betroffenen Gebiet drei Regionen, neun Provinzen und ebensoviele Regelwerke Konkurrenz machen. Mit der Folge, dass sich letztlich niemand zuständig fühlt. Im juristischen Dickicht entgleiten die Angler den Ordnungshütern wie glitschige Fische. Becchi ist so etwas wie die letzte Instanz, die zumindest ein Auge auf den Fluss hat. Wenn es die Zeit zulässt, rückt er mit freiwilligen Kollegen von Legambiente zu Angler-Kontrollen aus. Er verwandelt sich dann in einen gegen Windmühlen kämpfenden Don Quijote. Der Naturschützer zu Fuß im Dickicht gegen die hochmotorisierten Sportfischer und skrupellosen Wilderer.

Quelle: http://www.mittelbayerische.de/panorama-...77564.html
  


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